Tuesday, October 23, 2018

[PDF] Geist auf Abwegen. Alzheimer - Parkinson und Co. Von den Wegbereitern der Gehirnforschung und ihren Fállen KOSTENLOS DOWNLOAD

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Ìber den Autor und weitere Mitwirkende
Douwe Draaisma; Jahrgang 1953; ist Dozent für Psychologiegeschichte an der Universitát Grooningen. Für seine Leistungen auf dem Gebiet der Gedáchtnisforschung erhielt er 1999 den Heymanspreis. Von ihm ist bereits auf Deutsch erschienen: Die Metaphernmaschine. Eine Geschichte des Gedáchtnisses. Bei Eichborn erschienen: Warum das Leben schneller vergeht; wenn man álter wird Von den Rátseln unserer Erinnerung (2004) und Geist auf Abwegen Alzheimer; Parkinson und Co. - Von den Wegbereitern der Gehirnforschung und ihren Fállen (2008).

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
KEIN DRAAISMA-SYNDROM Manchmal bekommt eine Erinnerung erst Jahre spáter eine Bedeutung. Als Student arbeitete ich am Wochenende in einem Seniorenheim. Zu meinen Aufgaben gehörte der Brotwagen: Am spáten Nachmittag machte ich zusammen mit einem Altenpfleger die Runde durch die Zimmer; um das Abendessen vorbeizubringen. Für Bewohner; die nicht mehr gut zu Fuß waren oder schlecht sehen konnten; deckten wir auch rasch den Tisch. Eines Tages sagte eine Bewohnerin; wáhrend wir Teller und Besteck für sie bereitlegten; sie sehe ein Mánnchen im Garten. Ein Mánnchen? Wir folgten ihrem Blick. Im Garten war nichts zu sehen. Sie blieb hartnáckig: »Dort steht ein Mánnchen.« Ich schaute; ob sie vielleicht etwas anderes für ein Mánnchen halten konnte. Zwischen den Stráuchern stand eine Laterne; etwa einen Meter hoch; mit einem Schirm; der eine gewisse Á„hnlichkeit mit einem Hut aufwies. »Meinen Sie die Lampe da hinten?« »Nein; das ist eine Lampe; das sehe ich auch!« Wir sagten beide; dass wir wirklich kein Mánnchen sáhen. Der Pfleger rückte ihr den Stuhl zurecht; verdrehte hinter ihrem Rücken die Augen und deutete eine Plemplem-Geste an. Das schien auch mir eine befriedigende Erklárung. Mit einem herzlichen »Lassen Sie es sich schmecken!« setzten wir unsere Runde fort. Gut zwanzig Jahre spáter las ich von einem recht seltenen Syndrom; das vor allem áltere Menschen trifft; deren Sehkraft nachgelassen hat. Sie sehen manchmal Bilder. Meist handelt es sich um Bilder von Personen; háufig in Miniatur. Sie kommen; wenn die Dámmerung anbricht und Ruhe eintritt. Es ist ein vollkommen harmloses Phánomen; bekannt als »Bonnet-Syndrom«; nach dem Schweizer Charles Bonnet; der diese Bilder 1760 als Erster beschrieb. Bonnet hatte sie nicht selbst gesehen; er hatte von seinem Großvater davon gehört; als dieser um sein neunzigstes Lebensjahr nach einigen misslungenen Operationen am grünen Star Bilder von Personen zu sehen begann. Ich hatte jemanden mit dem Bonnet-Syndrom getroffen und nichts Besonderes bemerkt. Ich begriff; wie leicht es ist; etwas nicht zu entdecken. Sogar etwas wieder zuentdecken war mir nicht gelungen. Warum Bonnet und ich nicht? Ein augenfálliger Unterschied - und lángst nicht der einzige - ist; dass er seinen Großvater ernst genommen hat. Bereits das war eine große Leistung; denn der alte Mann erzáhlte; er sehe nicht nur Personen; sondern auch Springbrunnen; dreißig Fuß hohe Kutschen oder ein sich drehendes Rad; das durch die Luft schwebte. Statt anzunehmen; sein Großvater leide unter geistiger Altersschwáche; akzeptierte Bonnet die Authentizitát der Bilder; dachte über eine mögliche Erklárung nach und beschrieb dann in einem seiner Bücher eine neurologische Störung; die visuelle Wahrnehmungen verursachen kann; ohne das Urteilsvermögen zu beeintráchtigen. Im folgenden Kapitel ist zu lesen; wie diese Störung im Jahre 1936 zum »Bonnet-Syndrom« wurde und wie spátere Generationen von Psychiatern und Neurologen versucht haben; diese Bilder zu erkláren. Aber wenn es nun nie einen Bonnet gegeben hátte und ich diese Frau und ihr Mánnchen genauso ernst genommen hátte wie Bonnet seinen Großvater; gábe es dann heute ein »Draaisma-Syndrom«? Das ist ausgeschlossen.Wenn ich etwas gelernt habe aus dieser Untersuchung von Namensgebern im Bereich der Hirnforschung; dann das; dass die Folgen der Entdeckung wichtiger sind als die Entdeckung selbst. Um nur einen Aspekt zu nennen: Die Entdeckung muss veröffentlicht werden. Dafür hat jede Zeit ihre eigenen Konventionen. Bonnet beschrieb seine Beobachtungen in einem Buch; heutzutage kommunizieren Neurologen und Psychiater über Fachzeitschriften; die hohe Ansprüche an die Untersuchungen und die Form der Ergebnisprásentation stellen. Eine Fallstudie bringt zurzeit wenig Gewicht auf die Waagschale. Der potenzielle Namensgeber müsste eine große Anzahl áhnlicher Fálle sammeln - eher hundert als fünfzig - und in seinem Bericht spezifische Angaben zu Alter; Geschlecht; Sehkraft; Medikamenteneinnahme und Ausbildungsniveau machen. Er müsste eine Erklárung bieten und am besten auch Experimente vorweisen; die verdeutlichen; welche Faktoren Einfluss auf das Sehen solcher Bilder haben. Anschließend müsste innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zumindest vorláufiger Konsens über die Frage bestehen; ob es sich tatsáchlich um ein Phánomen handelt; das nicht unter andere psychiatrische oder neurologische Krankheitsbilder einzuordnen ist. Daraufhin müsste ein Fachkollege mit Autoritát - oder eine Kommission - den Vorschlag machen; den Namen des Autors mit der Störung zu verbinden. Und erst wenn die wissenschaftliche Gemeinschaft sich tatsáchlich nach und nach dieses Namens bedient; wáre der Geschichte der Hirnforschung ein neuer »Entdecker« hinzuzufügen. Dies alles liegt außerhalb der Reichweite eines Werksstudenten. Bonnet selbst hátte heute übrigens auch keinerlei Chancen. Ihr Großvater; sagten Sie? Was hat er gesehen?

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